Robert Häusser
Das Foto eines eingepackten Rennwagens zählt zu den bekanntesten Fotografien von Robert Häusser. Längst ist die einprägsame schwarzweiß-Aufnahme zu einer modernen Ikone der Fotogeschichte avanciert.
„Wie ein böses Tier auf dem Sprung, geheimnisvoll, wie ein Ungetüm“, beschrieb der Künstler den Boliden von Jochen Rindt. Tatsächlich scheint es, als ob der Lotus 72 den dünnen, textilen Überzug jeden Augenblick eigenmächtig zerreißen könnte.
Ein Rennwagen ist der Inbegriff von Dynamik, Rasanz und gebündelter Energie. Indem Robert Häusser die Maschine aber in einer ganz untypischen Situation zeigt, betont er paradoxerweise deren typische Eigenschaften umso mehr. Ähnlich wie der Verpackungskünstler Christo macht auch der Fotograf den Betrachter zum Komplizen, er weckt seine Neugier und Lust auf Gedankenspiele.
Charakteristisch für Robert Häusser ist die Konzentration auf einen Hauptgegenstand, der in der Bildmitte platziert ist. Gestört wird der symmetrische Aufbau lediglich durch den Schlagschatten. Der Wagen steht nicht etwa auf dem asphaltierten Untergrund der Rennstrecke in Hockenheim, sondern ist abseits auf einer knochengepflasterten Fläche auf dem Gelände der Anlage geparkt. Da ansonsten kein anderer Gegenstand auf dem Foto zu sehen ist, wirkt der Lotus wie freigestellt. Alles, was den Betrachter vom zentralen Objekt ablenken könnte, blendet Robert Häusser aus. Mit minimalen Mitteln erzielt er volle Konzentration.
Die besondere Bedeutung des Bildes erklärt sich jedoch erst durch den Umstand, dass Jochen Rindt vier Wochen nach Entstehen der Aufnahme tödlich verunglückte. Plötzlich erinnert die Form des verhüllten Objekts an ein verkürztes Doppelkreuz. Der Titel, den Robert Häusser nachträglich wählte, verweist somit auf den Sterbetag des deutschen Rennfahrers, der für Österreich startete. In den 1960er-Jahren errang Jochen Rindt zahlreiche Siege. 1970 war er auf dem Zenit seines Erfolgs und so populär wie heute Lewis Hamilton. Mit dem Wissen um den frühen Tod des Fahrers wird das Foto seines Rennwagens zu einem visuellen Memento Mori.
J. R. 5-9-70
